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Beiträge: Stellungnahme der Deutsch-Tschechischen Historikerkommission zu den Vertreibungsverlusten
von: Historikerkommission Druckerfreundliche Ansicht Beitrag per E-Mail versenden
Wissenschaft | Věda
Pressemitteilung vom 17.12.1996

1.
Die Angaben über die Vertreibungsopfer, d. h. über die Menschenverluste, die die sudetendeutsche Bevölkerung während und im Zusammenhang mit der Vertreibung und zwangsweisen Aussiedlung aus der Tschechoslowakei erlitten hat, divergieren in extremem Maße und sind deshalb höchst umstritten. Die in deutschen statistischen Erhebungen angegebenen Werte streuen zwischen 220.000 und 270.000 ungeklärten Fällen, die vielfach als Todesfälle interpretiert werden, die in bisher vorliegenden Detailuntersuchungen genannte Größe liegt zwischen 15.000 und – maximal – 30.000 Todesfällen.

2.
Die Differenz ist das Ergebnis unterschiedlicher Auffassungen über den Begriff der Vertreibungsopfer die Detailforschung neigt dazu, nur die Opfer von direkter Gewaltanwendung und abnormen Bedingungen zu berücksichtigen. Dagegen zählt man in Statistiken vielfach alle ungeklärten Fälle zu den Vertreibungsopfern hinzu.
Die voneinander abweichenden Angaben ergeben sich zudem auch aus der Tatsache, daß verschiedene Erhebungs- bzw. Auswertungsmethoden verwendet werden:

Den detaillierten Zahlen liegen die individuell belegten Todesfälle zugrunde (15.000-30.000).
Ein anderer Ansatz bestand im Auswerten von kirchlichen Suchkarteien; dabei ergab sich sowohl ein hoher Anteil ungeklärter Fälle (225.000) als auch der Nachweis von 18.889 konkret belegter Todesfälle.
Von Statistikern wurden aus Mangel an amtlichen Unterlagen über die Sterbefälle Bevölkerungsbilanzen aufgestellt. Der sich dabei ergebende Saldo zwischen der Anfangs- und der Endbevölkerungszahl wird oft mit Todesfällen gleichgesetzt (220.000-270.000).

3.
Die besonderen Probleme von Bevölkerungsbilanzen sieht die Kommission darin, daß die meisten Daten, mit denen sie arbeiten, auf Modellrechnungen und Schätzungen beruhen, die nicht bilanzierungsfähige Größen verwenden. Beispielhaft sei auf die größten Unsicherheiten hingewiesen:
Die Kommission geht davon aus, daß in der Ausgangszahl der sudetendeutschen Bevölkerung in den böhmischen Ländern (3.331.415), die hauptsächlich auf den Ergebnissen der reichsdeutschen Volkszählung vom Mai 1939 beruht, eine nicht unerhebliche Gruppe von Personen enthalten ist, die sich vor 1939 zur tschechischen, 1939 aber zur deutschen Nationalität bekannten. Eine zweite, ebenfalls nicht unerhebliche Gruppe wechselte nach 1945 zur tschechischen Nationalität. Die Bevölkerungsbilanz berücksichtigt derartige Bewegungen nicht in ausreichenden Maße. Die Quantifizierung dieser Gruppen ist derzeit Gegenstand eines deutschen Forschungsprojektes. Erste vorläufige Ergebnisse weisen etwa 90.000 „Nationalitätenwechsler“ nach.
Die in den Bilanzen verwendete Zahl der Wehrmachtsverluste bedarf ebenfalls einer Überprüfung: in den gesamtdeutschen Bilanzen aus den fünfziger Jahren wurden 3,7 Millionen Wehrmachtstote berücksichtigt. Neuere deutsche Forschungen gehen dagegen von einer Zahl um 5 Millionen aus. Das muß bei der Hochrechnung der sudetendeutschen Verluste berücksichtigt werden.
Nimmt man die mittlerweile öffentlich zugänglichen Angaben der DDR-Volkszählung von 1950 in die Gesamtbilanz auf, die nur 612.000 statt 914.000 ehemalige Sudetendeutsche auf dem Gebiet der DDR aufweist, so erhöht sich die Zahl der ungeklärten Fälle bis über eine halbe Million. Das wäre ein absurdes Ergebnis.
Alle diese Erkenntnisse müßten sich folgerichtig auf die Bevölkerungsbilanzen der Sudetendeutschen auswirken. Da die Abweichungen aber gegenläufig sind, empfiehlt die Kommission, auf die Verwendung von Bilanzen und die daraus errechneten Vertreibungsopfer zu verzichten. Dies umso mehr, als keine Möglichkeit besteht, adäquateres voll bilanzierungsfähiges Datenmaterial zu finden.

4.
Diese Überlegungen zeigen, daß solche Bilanzierungsversuche zu sehr großen Spannweiten führen und ohne die Möglichkeit ihrer Verifizierung wissenschaftlich unbrauchbar sind. Einen sichereren, weil überprüfbaren, gleichzeitig aber viel aufwendigeren Ausweg bietet die Verfolgung individueller Schicksale anhand von Quellen. Wichtige und bahnbrechende Ergebnisse sind kürzlich besonders in tschechischen Studien vorgelegt worden.
Danach sind in den Jahren 1945-1946 durch Gewalt, in Internierungslagern, bei Arbeitseinsätzen u.s.w. mindestens 10.000 Menschen ums Leben gekommen; hinzu kommen ca. 5.000-6.000 nicht näher spezifizierte Todesfälle, die jedoch in unmittelbarem Zusammenhang mit den Vertreibungsvorgängen standen, so daß sich nach dem bisherigen Forschungsstand eine Mindestzahl von 15.000-16.000 Opfern – ohne Selbstmorde – ergibt. Diese Zahl wird auch durch die tschechoslowakischen Statistiken für die Jahre 1945 und 1946 bestätigt, die insgesamt 22.247 Todesfälle durch „Gewalt, Fremdeinwirkung und aus ungeklärter Ursache“ sowie Selbstmord (6.667) ausweist.
Dem nähert sich die in den genannten Suchkarteien addierte Zahl von nachweislich 18.889 Todesfällen, in der 3.411 nachgewiesene Selbstmorde enthalten sind. Selbst wenn man annimmt, daß die Datenüberlieferung Lücken aufweisen könnte, gelangt man durch eine Verdoppelung der Mindestzahl zu einer maximalen Anzahl von 30.000 Opfern.

***

Auch wenn die Kommission sich hier nur mit trockenen Zahlen beschäftigt, so hatte sie dabei die traumatischen Folgen von Erfahrungen und Erschütterungen des 20. Jahrhunderts vor Augen, zu denen auch die Vertreibungen und Zwangsaussiedlung gehörten.

Die Deutsch-Tschechische Historikerkommission ist der Überzeugung, daß die bisher ermittelten Zahlen realistisch sind und daß sie durch weitere Forschungen noch präzisiert werden müssen.
Deshalb spricht sie sich dafür aus, auf die Zahl von 220.000 oder mehr „Vertreibungsopfern“ nicht nur in der wissenschaftlichen Diskussion, sondern auch in politischen Auseinandersetzungen zu verzichten.



Homepage der Historikerkommission

Anmerkung: Quelle: Begegnung und Konflikt. Schlaglichter auf das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen 1815-1989. Hrsg. von Jörg K. Hoensch und Hans Lemberg. Essen 2001, 245-247 (Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission 12).

 

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